2016

Heimatgeschichtliches Wochenende für schlesische Ortschronisten und Familienforscher


Die 3. Internationale Tagung für Regionalforscher, Historiker, Ortschronisten und Genealogen
beiderseits des Bobertales in Niederschlesien fand vom 20. bis 23. Oktober 2016 in Jelenia Góra/Hirschberg statt.


Bobertalforscher tagen vor Ort
Ein Bericht vom Heimatgeschichtlichen Wochenende für Regionalhistoriker, Ortschronisten und Familienforscher im Hirschberger Raum


Regionalhistoriker, Ortschronisten und Genealogen trafen sich zum wiederholten Male vom 22. bis 23. Oktober 2016 zu einem vom Verein für Geschichte Schlesiens und von der Stiftung Kulturwerk Schlesien veranstalteten "Heimatgeschichtlichen Wochenende". Organisiert und geleitet wurde diese auf das Bobertal und Umgebung ausgerichtete Tagung von Jürgen Schwanitz. Tagungsort war das Riesengebirgsmuseum in Hirschberg, wo die Teilnehmer von dessen Direktorin Gabriela Zawiła begrüßt wurden. Sie stellte auch das Museum mit seinen Beständen vor. Besonders beindruckend ist die Glassammlung mit über 7.000 Objekten mit Schwerpunkten in der Biedermeierzeit und in der Moderne. Das Museum verfügt zudem über etwa 3.000 Altgraphiken, 200 Riesengebirgsgemälde sowie Sammlungen von Trachtenhauben, Glasmalerei und zu den Laboranten des Riesengebirges. An den Vortrag schloss sich eine Führung durch das modern gestaltete und sehenswerte Museum an.

Hirschberg ist Sitz eines Staatsarchives, über dessen Geschichte Archivdirektor Ivo Łaborewicz informierte. Hervorgegangen ist es aus dem örtlichen Stadtarchiv, 1927 erhielt es unter dem Archivar Dr. Max Göbel ein eigenes Gebäude. Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges führte die Archivarin Eugenia Triller die verstreuten Bestände, die heute 2,5 laufende Kilometer Akten umfassen, wieder zusammen. 2005 erfolgte der Umzug in das heutige Gebäude in der ul. płk. Wacława Kazimierskiego 3. Mit den Beständen machte die stellvertretende Direktorin Anna Borys bekannt. Diese umfassen die Stadtakten ab 1309, die Akten der umliegenden Gemeinden und Adelsgüter und einen Bestand zu Gerhart Hauptmann. Natürlich werden auch Kirchenbücher und Standesamtsregister verwahrt. Eine digitale Erschließung der Bestände findet sich auf dem polnischen Archivportal www.archiwa.gov.pl mit den Datenbanken IZA, ZoSIA, Sezam, Pradziad (Kirchenbücher, Personenstandsregister) sowie unter www.szukajwarchiwach.pl. Das Hirschberger Archiv ist das meist frequentierte in Schlesien.

Die Gnadenkirche in Hirschberg, errichtet nach der Altranstädter Konvention von 1707, wurde von einem Friedhof mit Grufthäusern umgeben. Diese Begräbnisstätten der wohlhabenden evangelischen Hirschberger Schleierherren, weltweit agierender Leinenkaufleute, wurden in den Jahre 2010 bis 2012 aufwändig restauriert. Über die historischen Hintergründe und die Renovierungsarbeiten berichtete Dr. Gerhard Schiller, der auch in einer beeindruckenden Abendführung die angestrahlten Grufthäuser vorstellte.

Weitere Vorträge galten den Walen oder Venedigern im Riesengebirge, Experten zum Aufspüren von Gold, Quarzen und Mineralien, ihren noch heute in der Landschaft zu findenden, geheimnisvollen Zeichen und den sog. "Walenbüchern", vorgestellt von Dr. Przemysław Wiater. Eugeniusz Gronostaj widmet sich der 3-D-Rekonstruktion bedeutender Hirschberger Stadtbauten der Frühen Neuzeit wie dem Vorgängerbau der heutigen Gnadenkirche, dem Renaissancerathaus und dem Burgtor. Ausgangspunkt für seine Arbeiten sind zeitgenössische historische Quellen. Die Frühgeschichte des im Hirschberger Raum begüterten, bedeutenden Adelsgeschlechts der Schaffgotsch stellte Dr. Arkadiusz Kuzio-Podrucki in einem reich bebilderten Vortrag kenntnisreich dar.

Besichtigt wurde das wieder hergestellte und heute als Hotel betriebene Schloss Wernersdorf unweit von Hirschberg, dessen Garten als Bleiche für Leinen diente; besonders beeindruckend waren der Barocksaal und das Kachelkabinett. Nur einen Blick von außen konnte man auf das ebenfalls wieder hergestellte Wasserschloss Rudelstadt werfen. Auch die evangelische Kirche in Bad Warmbrunn und die Klosteranlage Grüssau wurden besucht. Ein weiteres Exkursionsziel war die Stadt Landeshut, wo man besonders freundlich von Przemysław Burchardt und Andrzej Jasiński empfangen wurde. Sie stellten das örtliche Webereimuseum mit seiner Geschichte und seinen Sammlungen vor und führten durch die Gnadenkirche. Beeindruckend war auch der Besuch des 1905 errichteten und einschließlich seines Mobiliars nahezu unverändert erhaltenen Rathauses, in dem die Tagungsteilnehmer von Stadtdirektor Arkadiusz Wileński empfangen wurden. Sehr gut restauriert ist inzwischen auch die Grablege der Schaffgotsch in der Kirche von Reußendorf, wovon sich die Exkursionsteilnehmer überzeugen konnten. Ein "Besuch der besonderen Art" galt der Bergstadt Kupferberg, die nach dem Abbau von Uran in den Jahren 1948 bis 1950 bis auf die Kirche und ein paar wenige Häuser vollständig abgerissen wurde. Der Exkursionstag klang im neu errichteten "Brauhaus Kupferberg" mit einem Vortrag von Jürgen Schwanitz über diese verschwundene Stadt aus, die die kleinste und am zweithöchsten gelegene Stadt Preußens war.

Mit den Vorstellungen über Lebensformen nach dem Tode, genauer mit armen, umlaufenden Seelen, Wiederkehrern und Vampiren, setzte sich Dr. Daniel Wojtucki auseinander, wobei er sich zeitlich auf das 17. und 18. Jahrhundert und räumlich auf die Umgebung von Hirschberg beschränkte. Die Hirschberger Kirchenbücher wertete Karolina Pogorzelska hinsichtlich der lokalen Scharfrichter aus und kam dabei zu dem Schluss, dass sie ein normales Leben führten, ihr Umgang allerdings auf ihren Berufskreis beschränkt blieb. Als erster Scharfrichter wird für Hirschberg 1577 ein Adam Schumann genannt. Ullrich Junker informierte schließlich über aktuelle Forschungen und Projekte im Hirschberger Raum, wobei er auch auf das Projekt "Nemoland" des Niederländers Peter Spruijt hinwies.

Die vielfältigen Themen der Veranstaltung stießen auf großes Interesse bei den Teilnehmern dieser 3. Bobertal-Tagung und machte sie mit den Arbeitsvorhaben ihrer polnischen Kollegen bekannt. Der Organisator Jürgen Schwanitz plant, die Vorträge wieder in einem Seminarbuch zu veröffentlichen. Das „Heimatgeschichtliche Wochenende“ erwies sich einmal mehr als ein erfolgreiches Tagungsformat für Personen, die sich mit der Geschichte ihrer Familie, des Herkunftsortes oder der Region ihrer Vorfahren in Schlesien beschäftigen möchten: Fortsetzung geplant!                         
Ulrich Schmilewski


Datum:20. bis 23. Oktober 2016
Tagungsort:Konferenzsaal des Riesengebirgsmuseums (RGM) Jelenia Góra / Hirschberg (Polen)  
Adresse:Muzeum Karkonoskie w Jeleniej Górze
ul. Jana Matejki 28
PL - 58-500 Jelenia Góra
Tel/Fax: 0048 7575 234 65
sekretariat@muzeumkarkonoskie.pl
Achtung:Beim Museum eingeschränkte Parkmöglichkeiten - bitte Seitenstraßen benutzen.
Veranstalter:Verein für Geschichte Schlesiens e.V. (Karlstadt) – Stiftung Kulturwerk Schlesien (Würzburg) in Zusammenarbeit mit den Arbeitskreisen Hirschberg und Landeshut
Tagungsleitung:Dr. Ulrich Schmilewski / Jürgen Schwanitz
Teilnehmer:Die Tagung ist für jeden historisch Interessierten zugänglich. Die Teilnehmerzahl ist auf 30 begrenzt. Es zählt die Reihenfolge des Meldungseingangs.
Tagungssprache:Die Tagungssprache ist grundsätzlich Deutsch; Vorträge in polnischer Sprache werden in die deutsche Sprache übersetzt, allerdings nicht durch professionelle Simultandolmetscher.
TagungsbeitragFür deutsche Tagungsteilnehmer 50 €. Gemeinsame Essen sind im Tagungsgeld nicht enthalten. Eine Ausnahme ist das Buffet am 21. Oktober, für welches zusätzlich zum Tagungsbeitrag 20 € vorab zu überweisen sind.
Referenten, Angehörige des RGM, des Staatsarchivs Jelenia Góra und des Webereimuseums Kamienna Góra sind von der Tagungsgebühr befreit.


Wichtiger Hinweis:

Die Bobertaltagung verfolgt ausschließlich historische, kulturelle und kunst-historische Interessen, dient der gemeinsamen deutsch-polnischen Geschichtsforschung und ist kein Forum für politische bzw. nationalistische Diskussionen.


Programm

Donnerstag_______20. Oktober 2016
13:00 Uhr

Tagungseröffnung / Begrüßung im RGM und Einführung durch die Tagungsleiter.

13:30 – 15:00 Uhr

Einführung in die Sammlungen durch Frau Direktorin Gabriela Zawila mit anschließender Führung durch das Riesengebirgsmuseum (RGM).

15:00 - 15:30 Uhr

Kaffeepause

15:30 – 17:00 Uhr

Vortrag im RGM durch Herrn Direktor Ivo Łaborewicz / Anna Borys (stv.): Die Geschichte des Staatlichen Archivs von Hirschberg / Jelenia Góra mit seinen Sammlungen und Recherchemöglichkeiten im Archiv und elektronisch-digital.

17:30 – 19:00 Uhr

Anschlußprogramm und genauer Ort des Abendessens noch offen.

19:00 – 20:30 Uhr

Führung über den ehemaligen Friedhof der Gnadenkirche mit seinen renovierten Gruftkapellen der Schleierherren durch Herrn Dr. Gerhard Schiller.

Freitag___________21. Oktober 2016
08:30 – 10:00 Uhr

Vortrag im RGM durch Herrn Dr. Przemysław Wiater. Thema: „Walen und Venediger - Phänomen und Fakten über die früheren Bergsachverständigen im Riesengebirgsraum".

10:00 – 10:30 Uhr

Kaffeepause

10:30 – 12:00 Uhr

Vortrag im RGM durch Herrn Eugeniusz Gronostaj. Thema: Darstellungen von 3-D-Rekonstruktionen von mittelalterlichen Bauwerken und mittelalterlichen Städtebereichen.

12:00 – 13:00 Uhr

(kein geplantes Mittagessen)

13:00 – 14:30 Uhr

Vortrag „Adelsgeschlecht von Schaffgotsch“ durch Herrn A. Kuzio-Podrucki.

14:30 – 16:00 Uhr

Hans Ulrich von Schaffgotsch und sein Stammschloß Alt Kemnitz. Kurzvortrag Ullrich Junker mit anschließender Ortsbesichtigung der aktuellen archäologischen Ausgrabungen und Restaurierungsarbeiten in Alt Kemnitz / Stara Kamienica.

16:00 – 17:30 Uhr

Vortrag zur Geschichte von Schloß Wernersdorf, den Schleierherren  und Führung durch das Schloß mit Kachelkabinett durch Herrn Christopher Jan Schmidt.

ab 18:00 Uhr

Gemeinsames Abendessen (Buffet) mit anschließendem gemütlichen Beisammensein und Gedankenaustausch in Schloß Wernersdorf.

Samstag__________22. Oktober 2016
09:00 – 10:00 Uhr

Wasserschloß Rudelstadt / Ciechanowice und seine Restaurierung - Besichtigung der dort freigelegten Fresken aus der Zeit der Renaissance und dem Barock.

10:30 – 12:30 Uhr

Begrüßung im Muzeum Tkactwa w Kamiennej Górze / Weberei-museum Landeshut durch Frau Direktorin Barbara Skoczylas-Stadnik. Thema: „Das Webereimuseum – seine Geschichte und Sammlungen“ mit anschließender Führung (Przemyslaw Burchardt.)

12:30 – 13:30 Uhr

Besuch im Rathaus Kamienna Góra /Landeshut mit Besichtigung Rathaussaal durch Herrn Stadtdirektor Arkadiusz Wileński.

13:30 – 15:00 Uhr

Führung durch die Gnadenkirche Kamienna Góra / Landeshut durch Frau Direktorin Barbara Skoczylas-Stadnik.

15:30 – 16:30 Uhr

Führung durch die restaurierte Grablege der Schaffgotsch in der Kirche in Reußendorf / Raszow durch Herrn Patryk Straus.

17:00 Uhr

Kurzvortrag „Die verschwundene Bergstadt Kupferberg / Miedzianka" mit anschließendem Abendessen à la carte und gemütlichem Beisammensein in der neueröffneten Brauereigaststätte / Browary in Miedzianka.

Sonntag__________23. Oktober 2016
08:30 – 10:00 Uhr

Vortrag im RGM durch Herrn Dr. Daniel Wojtucki / Frau Mag. Karolina Pogorzelska. Thema: „Gerichtsbarkeit in Niederschlesien: Sühnekreuze und Galgen".

10:00 – 10:30 Uhr

Kaffeepause

10:30 – 11:30 Uhr

Vorträge im RGM durch Herrn Ullrich Junker / Herrn Peter Spruijt. Thema: aktuelle Forschungen und Projekte im Hirschberger Raum.

11:30 – 12:30 Uhr

Tagungszusammenfassung mit Aussprache und Ausblick.

ab 12:30 Uhr

Gelegenheit zum evtl. gemeinsamen Mittagessen in Jelenia Góra gemäß Absprache mit Seminarteilnehmern mit anschließender Rückreise.